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„Sturmholzaufarbeitung ist die gefährlichste Waldarbeit"

Abb. 1: Petair – fotolia.com

„Sturmholzaufarbeitung ist die gefährlichste Waldarbeit“

2018 begann stürmisch: auf Burglind folgte am 18. Januar das Sturmtief Friederike, fegte über Europa hinweg und hinterließ eine Schneise der Zerstörung. Allein in Deutschland starben acht Menschen, ein Sachschaden von mehr als einer Milliarde Euro entstand. Eine Katastrophe auch für Waldbesitzer. Wenn ein Sturm wie Friederike Bäume entwurzelt und Wälder verwüstet, sollte sich ein Waldbesitzer schnell vor Ort ein Bild der Situation verschaffen. Für Stefan Tretter ist beim Umgang mit Windwurfschäden und bei der anschließenden Wiederaufforstung überlegtes und planvolles Handeln entscheidend. Stefan Tretter ist Leiter der Abteilung Waldbau und Bergwald der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, worauf Waldbesitzer nach einem Sturm achten müssen.

Herr Tretter, es sieht schlimm aus nach einem Sturm. Wo fängt man da am besten an?

Stefan Tretter: Das Wichtigste: den Kopf nicht verlieren. Ein Sturmwurf sieht erst einmal wüst aus, aber das Schlimmste wäre, jetzt drauflos zu arbeiten. Die Bäume liegen übereinander und sind umgebogen, man kann nicht einschätzen, unter welcher Spannung das Holz steht. Sturmholzaufarbeitung ist die gefährlichste Waldarbeit. Deshalb sollte man sich gut überlegen: „Kann und muss ich das wirklich selbst tun?“ Unterstützung gibt es bei forstlichen Selbsthilfeorganisationen, sie vermitteln spezialisierte Unternehmen. Die Aufarbeitung von Sturmwurf ist Profiarbeit.

Worauf sollte man bei der Sturmholzaufarbeitung achten?

Stefan Tretter: Wichtig ist, dass alle Arbeiten geordnet durchgeführt werden. Maschinen sind schwer und können  Bodenverdichtung verursachen. Deshalb sollte man Waldflächen nicht flächig befahren, sondern ausschließlich auf Rückegassen, also dauerhaften Fahrlinien. Denn auf verdichteten Böden können junge Bäume nur schwer nachwachsen. Außerdem kann ich nur noch einmal betonen, wie wichtig die Arbeitssicherheit ist. Wir sehen viele vermeidbare Unfälle in der Forstwirtschaft. Überlegen Sie gut, ob Sie die Arbeiten wirklich selbst ausführen können oder sich besser Hilfe holen. Und nehmen Sie immer eine zweite Person mit. So erhalten Sie wenigstens schnell Hilfe, wenn doch einmal etwas passiert.

Wie bringt der Waldbesitzer Ordnung in das Chaos?

Stefan Tretter: Anfangs müssen Wege freigemacht werden, damit ich den Wald überhaupt sicher betreten kann. Anschließend sollte man sich einen Überblick darüber verschaffen, welche Bäume und Pflanzen den Sturm unbeschadet überstanden haben oder welche schnell beseitigt werden müssen.

Wann sind umgestürzte Bäume ein Problem und müssen weggeräumt werden?

Stefan Tretter: Auch vom Wind geworfene Bäume haben einen wirtschaftlichen Wert.  Waldbesitzer werden Windwurfholz also in der Regel aufarbeiten lassen und verkaufen. Vom Wind geworfene Bäume werden dann zum Problem, wenn sie die Wiederbewaldung erschweren oder – was häufiger der Fall ist – Brutmaterial für Schädlinge sind. Zum Beispiel ist vom Wind geworfenes  Fichtenholz sehr attraktiv für die Borkenkäferarten Buchdrucker und Kupferstecher. Deshalb sollte man dieses Holz rasch beseitigen, um zu verhindern, dass sich die Borkenkäfer auf den Windwurfflächen stark vermehren und auf den umliegenden Wald übergreifen.

Wann muss man Windwurfflächen wiederbepflanzen?

Windwurfflächen sollten bepflanzt werden, wenn zu wenig Naturverjüngung vorhanden oder zu erwarten ist. Auch wenn die Baumarten, die der Waldbesitzer gerne haben möchte, sich nicht natürlich ansamen, sollte gepflanzt werden. Wenn das Risiko besteht, dass unerwünschte Pflanzen wie Brombeeren oder Gras die Oberhand gewinnen, sollte man sich mit der Pflanzung nicht zu lange Zeit lassen. Gerade auf nährstoffreichen Böden vermehrt sich Gestrüpp schnell und krautige Vegetation hindert die jungen Bäumchen am Wachsen.

Was ist mit Bestandsresten?

Stefan Tretter: Reste des alten Bestandes, die einen Sturm überstanden haben, können aus verschiedenen Gründen eine große Hilfe für den neu wachsenden Wald sein. Sie spenden Schatten und schützen so die kleinen Pflänzchen vor zu starker Sonneneinstrahlung, außerdem können sie die Frostgefahr dämpfen. Sie spenden Samen für neue Verjüngung und Gras wächst auf leicht beschatteten Flächen weniger intensiv, was die Gefahr von Mäuseschäden senkt. Auch schnell wachsende Pionierarten wie Birken oder die Vogelbeere können ähnlich wirken wie Bestandsreste. Deshalb sollte man intensiv beobachten, wie sich die Verjüngung auf Sturmwurfflächen entwickelt.

Würden Sie sagen, dass eine Freifläche nach dem Sturm auch eine Chance ist?

Stefan Tretter: Sturmwürfe, gerade wenn sie größer sind, sind immer ein massiver finanzieller Schaden für die Waldbesitzer. Und gerade auf größeren Kahlflächen sind die Bedingungen für die Waldverjüngung durch Trockenheit, Frost, Konkurrenzvegetation und Schädlinge nicht gerade ideal. Trotzdem steckt in dem Schaden auch eine gewisse Chance: in dieser Situation kann ich mir Gedanken darüber machen, welchen Wald ich haben möchte. Ich kann stabilere Baumarten einbringen, um meinen Wald für künftige Stürme besser zu rüsten. Ich kann mehr zu einem Mischwald übergehen und so einen gesünderen Wald schaffen. Mein Kollege Dr. Kölling bringt das schön auf den Punkt: „Wer streut, der rutscht nicht.“ Wer in einem Mischwald auf verschiedene Baumarten setzt, hat auch bei unsicheren klimatischen Bedingungen ein geringeres Risiko, mit seinem Wald zu scheitern. Das sind für den Wald die besten Aussichten.