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Schnittschutzkleidung in der Landwirtschaft - Leistung und Grenzen

Wenn es einmal zu einem Unfall kommt, sind die Folgen oftmals schwerwiegend, da die Sägeketten keinen geraden und sauberen Schnitt hervorrufen, sondern immer eine Kombination aus Schnitt und Riss. Zusammen mit dem permanent aufgebrachten, meist pflanzlichen Sägeketten-Haftöl und den Pflanzensaftanhaftungen ergibt sich eine Kombination, die im Falle eines Unfalls zu schlecht heilenden Verletzungen führen kann. So führten Motorsägen-Schnittverletzungen in den 1980er-Jahren – vor Einführung der Schnittschutzbekleidung – zu durchschnittlichen Ausfallzeiten von 35 Krankheitstagen. Seit der Einführung der Schnittschutzbekleidung sank dieser Wert auf einen Durchschnittswert von 0,94 Tagen. Weitere Untersuchungen des Kuratoriums für Waldarbeit und Forsttechnik e. V. (KWF) sowie der Fachhochschule für Forstwirtschaft in Schwarzburg/Erfurt ergaben, dass es bei 84 % aller berichteten Kontakte zwischen Kette und Schnittschutzhose zu keiner Verletzung gekommen ist. Die übrigen Unfälle führten in der Regel zu leichten und höchstens mittleren Verletzungen.


Schnittschutzhose und Schnittschutzstiefel


Die Funktionsweise einer Schnittschutzhose unterscheidet sich von der eines Schnittschutzstiefels. In der Hose ist das  sogenannte Raschelgewirk verarbeitet. Dabei handelt es sich um hochreißfeste Kunststofffasern, die meist in Längsrichtung der Beine verarbeitet sind und sich sehr leicht aus dem Stoffpaket herausziehen lassen. Kommt es zu einem Kontakt mit der Motorsäge, so blockieren die herausgezogenen Fäden den Antrieb der Motorsäge. Damit die Fäden immer leicht aus der Einlage herausgezogen werden können, darf auf keinen Fall durch die Schnittschutzeinlage hindurch genäht werden, sei es bei einer Reparatur oder einer Kürzung der Beine. All diese Arbeiten sind bei einer solchen Hose tabu – nur der Oberstoff darf repariert werden. Schnittschutzstiefel hingegen bieten keinen ausreichenden Bauraum, um genügend Fasern aufzunehmen, welche die Säge blockieren könnten. Schnittschutzstiefel weisen deshalb die Motorsäge ab und verzögern das Durchtrennen des Schuhaufbaus. Gegen die üblichen Unfälle ist ein Nutzer somit gut geschützt. Wenn allerdings mit einer angetriebenen Kette weiter auf dem Stiefel gesägt wird, etwa durch Unachtsamkeit, kann die Motorsäge den Stiefel durchdringen und zu Verletzungen führen.

Auswahl der Schnittschutzklasse


Grundsätzlich gibt es für Schnittschutz die vier Klassen 0 bis 3. Mit diesen Klassen wird die Kettengeschwindigkeit beschrieben, mit der im Labor die Prüfung der Baumuster vorgenommen wird, bevor diese auf dem Markt bereitgestellt werden. Klasse 0 bedeutet, dass die Sägekette des Prüfstandes mit einer Geschwindigkeit von 16 Meter/Sekunde (m/s) läuft und auf den Prüfkörper fällt. Diese Schutzklasse wird nur für Schnittschutzjacken und Schnittschutzhandschuhe verwendet. Schutzklasse 1 besagt, dass die Sägekette des Prüfstands mit 20 m/s gelaufen ist, bei der Klasse 2 waren es 24 und bei der Klasse 3 schließlich 28 m/s. Die Klasse 3 wird bis auf ganz wenige Ausnahmen überwiegend bei Gummistiefeln erreicht, da Gummi die Sägekette gut abweist. Die Schutzklassen 1 und 2 werden für die gebräuchlichen
Schutzausrüstungen angewendet. Bisher ist die Schutzklasse 2 dabei allerdings von untergeordneter Bedeutung; die Mehrheit der Schutzstiefel und fast alle Schutzhosen wurden im Labor mit der Klasse 1 geprüft. In den 1990er-Jahren und auch im letzten Jahrzehnt gab es fast ausschließlich dieses Schutzniveau.

 

Schutzklasse 1 bietet zumeist ausreichenden Schutz


Seit Kurzem geben alle Hersteller von Motorsägen in Ihren Produktinformationen die Geschwindigkeit der Sägekette bei Nenndrehzahl an. Dort liest der interessierte Nutzer im Normalfall Werte zwischen etwa 25 und 30 m/s; ein Umstand, der für viele Irritationen sorgt, da ja die im Labor geprüften Schutzklassen geringer sind.
Die Erfahrungen zeigen jedoch, wie eben beschrieben, dass die Schutzklasse 1 einen ausreichenden Schutz bietet und die wenigen verbleibenden Unfälle auch durch dickere Pakete von Schnittschutzmaterial kaum verhindert werden können.Weitergehende Forderungen zu Schutzklassen 2 oder gar 3 sind mit heutigen Schnittschutzmaterialien in der Regel nicht zu empfehlen, da die ergonomische beziehungsweise thermische Belastung durch dickere Schutzmaterialien besonders im Sommer stark ansteigt. Selbst die Schutzhosen der Klasse 1 sind laut Arbeitsmedizinern eigentlich schon bei Temperaturen ab 20 °C aufwärts zu belastend. Auch hemmen größere Steifigkeit und höheres Gewicht zusätzlich die Beweglichkeit der Benutzer. Die Kettengeschwindigkeit ist letztlich aber nur eines von sehr vielen Kriterien, die bei einer Prüfung im Labor gemäß Norm (EN 381 oder EN ISO 11393) abgefragt werden. Hier spielen Vorbehandlung, Schnittwinkel, Auflagegewicht, Kettenschärfe, Trägheitsmomente der rotierenden Teile, Kettentyp etc. eine zum Teil größere Rolle für das Ergebnis als lediglich die Kettengeschwindigkeit. Ein gut zu vermittelndes Bild gibt hier der Vergleich zum Automobil. Der einschlägige „EuroNCAP-Crash-Test“ ist allseits bekannt. Der sogenannte Frontalaufprall findet bei 64 km/h statt. Natürlich erreichen die Autos im Straßenverkehr höhere Geschwindigkeiten
als 64 km/h; so wie auch Sägeketten schneller laufen als die Prüfkette im Labor.

Haltbarkeit der Schnittschutzhosen


Schnittschutzhosen altern. Eine Untersuchung des KWF gemeinsam mit der Fachhochschule für Forstwirtschaft in Schwarzburg/Erfurt ergab, dass vor allem der Wechsel zwischen dem Verschmutzen der Hosen durch das Tragen und dem Waschen die Schutzwirkung im Laufe der Zeit reduziert. Nach etwa 25 Wasch-Trage-Zyklen sollte deshalb eine solche Hose ausgesondert werden, weil die Fäden der Einlage im Ernstfall nicht mehr so leicht herausgezogen werden können, wie es nötig wäre. Im professionellen Betrieb, in dem meist zwei Hosen parallel getragen werden, damit eine bei Nässe trocknen kann, ist das etwa nach 1 bis 1,5 Jahren so weit. Leider gibt es bis jetzt keine genauen Kenntnisse darüber, ob und wie sich die Stoffe im Laufe der Zeit verändern. Dem gelegentlichen Nutzer, der seine Schnittschutzhose nur in der Saison gebraucht, sei deshalb empfohlen, diese nach 5 Jahren auszusondern. Die meisten Hersteller schreiben dies auch in Ihren Nutzerinformationen so vor. Sind die Fäden der Schnittschutzhose durch lange Nutzung verfärbt, reduziert sich die Schutzwirkung.

 

Autor: Larrs Nick